Flingerns erstes Buch

Flingern - Kiez, Kunst & Kultur (Droste Verlag)

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Über Kunst sich selbst entdecken

Joachim Wagner Joachim Wagner wurde1954 in Stade bei Hamburg geboren. Er lebt seit seiner Kindheit in Düsseldorf, seit 25 Jahren in Flingern. Er studierte an der Kunstakademie Düsseldorf bei Prof. R. Geiger und Prof. G. Graubner, war Meisterschüler von Prof. Geiger und erhielt 1976 den Kunstpreis der Akademie. Seine Arbeiten wurden in über 200 Ausstellungen rund um die Welt gezeigt. Joachim Wagner ist verheiratet und hat drei Kinder.

Was bedeutet für Sie Kunst?

Als Kunstschaffender bedeutet Kunst für mich Entspannung und die Möglichkeit zur Ruhe zu kommen, abzutauchen und mit mir zu sein. Als Kunstbetrachter ist sie für mich Anregung. Über das sinnliche Erlebnis werden Emotionen wach, die Kopf und Gedanken anregen, Assoziationsketten in Gang setzen und zu Ergebnissen führen, die mit dem eigentlichen Kunstwerk nichts mehr zu tun haben. Kunst ist für mich auch ein Katalysator.
 

Ist Künstler ein Beruf oder eine Berufung? Was denken Sie?

Künstler zu sein ist eine Berufung. In meinem Fall habe ich die Berufung sehr früh gemerkt. Ich wollte nicht malen, ich musste malen. Übers Malen kann ich meinen Emotionen und Gedanken eine äußere Gestalt, eine Form geben. Es ist mein unbändiger Schaffensdrang, der mich, man könnte sagen, zwingt, meine Subjektivität immer wieder aufs Neue zu objektivieren.
 

Welche Fähigkeiten muss ein Künstler haben?

Handwerkliche Kenntnisse, Materialkenntnisse, all das lasse ich einmal außen vor, das ist natürlich Voraussetzung. Ein Künstler ist aber vor allen Dingen ein Schöpfer und dafür braucht er  Leidenschaftlichkeit und Hingabefähigkeit. Er muss sich fallen lassen können und er muss vor allen Dingen Energien so kraftvoll bündeln können, dass sie als Spannungsbogen ihren Ausdruck im Werk finden. Ein Kunstwerk, das nur technisch vollendet ist, bleibt letztlich ohne Ansprache. Handwerkliche Perfektion kann Kreativität und Spannung verdecken.
 

Was macht dann ein Kunstwerk aus?

Jedes Kunstwerk braucht einen Spannungsbogen um anzuregen oder aufzuregen, damit es mit dem Betrachter ins Gespräch kommt. Es muss Aufmerksamkeit auf sich ziehen können und das kann es nicht, wenn es nur schön beziehungsweise gefällig ist. Schönheit liegt für mich nicht im Gleichmaß und der Vollendung, sondern in der Spannung, die durch einen Bruch entsteht. Spannung entsteht zum Beispiel durch den Kontrast von ruhigen Flächen und bewegten Linien oder ruhige Farben korrespondieren mit Leuchtfarben. Der Spannungsgrad variiert dabei je nach Stärke und Schwerpunkt. Laute, grelle Farben unterstützen Ruhe und Stille und umgekehrt. Je nach dem auf was man den Schwerpunkt setzt, erscheint ein Bild bewegter oder ruhiger.


Ist Kunst wichtig, um eine Gesellschaft zu verändern oder bestimmt eine Gesellschaft Kunst?

Kunst verändert keine Gesellschaft, aber ganz sicherlich beeinflusst eine Gesellschaft Kunst. Ein Künstler ist nicht nur ein Zeitzeuge, sondern auch ein Medium. Ideen, Werte, Lebenseinstellungen und -formen einer Gesellschaft treffen auf ihn, korrespondieren mit ihm, werden gefiltert und finden über ihn ihren Ausdruck im Kunstwerk. Es verändern sich Stile, Motive, Techniken, um einem Lebensgefühl im Kunstwerk Form zu geben und natürlich gibt die Kunstindustrie ihren Anteil dazu. Von ihr lancierte Künstler und Kunstwerke bestimmen den Wert eines Objektes und den Publikumsgeschmack, was wiederum, zumindest indirekt, einen Widerhall im Künstler findet. Meine Schaffensperioden sind immer Entdeckungsreisen und Entwicklungsprozesse in einem. Ich entdecke mich während meines Tuns. Zu Beginn einer Arbeit weiß ich nie, wo sie endet. Sie entwickelt sich im Selbstgespräch zu einem Thema mit meinem imaginären Gesprächspartner. Ich weiß immer nur, wann sie beendet ist. Dann ist auch das Gespräch beendet. Ähnlich läuft es wohl auch im umgekehrten Fall, wenn sich Kunstwerk und Betrachter miteinander unterhalten.


Braucht ein Künstler eine bestimmte andere Sichtweise auf die Dinge und das Leben?

Ich glaube nicht, dass ein Künstler eine bestimmte andere Sichtweise hat als andere Menschen. Ich denke, der Begriff ist so nicht richtig. Ein Künstler reagiert vielleicht sensibler und intensiver auf das, was ihm begegnet. Es ist nicht der Blick, der anders ist, sondern die Reaktion und damit die Auseinandersetzung. Das Kunstwerk ist die Korrespondenz zwischen Alltäglichem und individueller Wahrnehmung.
 

Haben sich Ihre Arbeiten im Laufe der Zeit verändert?

Ja, natürlich. Zu Beginn habe ich nur monochrome grau-weiß gemalt.  Später kamen dann Farben hinzu und  Fotografien oder Werbeposter dienten als Vorlage, die ich übermalt und verändert habe, indem ich etwas weggenommen, anderes hinzugefügt oder bestimmte Linien akzentuiert habe. Auch Fotos, die ich von meinen vielen Reisen mitgebracht habe, wurden auf diese Weise verändert oder ich habe das für mich in ihnen Wesentliche hervorgehoben. Eine Zeitlang habe ich mich auch mit Videokunst beschäftigt. Allerdings habe ich dabei immer mit einem Filmteam zusammengearbeitet. Ich war der Ideenauslöser, habe die Motive ausgesucht und beim Filmschnitt mitgewirkt. Aber ich komme immer wieder zur Malerei zurück.


Zum einen leiten Sie das Kinderspielhaus in Flingern, eine eher prosaische Arbeitswelt. Zum anderen sind Sie Kunstschaffender, eine eher poetische Arbeitswelt. Wie schaffen Sie es, zwei Arbeitswelten miteinander zu verbinden?

Das sehe ich so gar nicht. Natürlich gibt es bei meiner Arbeit im Kinderspielhaus Notwendigkeiten wie Teambesprechung, Budgetverwaltung, Projektplanung, Arbeitsverteilung und so weiter, was Sie vielleicht als prosaisch bezeichnen. Aber das sind für mich Arbeitsnotwendigkeiten, die einen auf dem Boden der Realität halten. Ansonsten ist gerade das Kinderspielhaus in Flingern ein Projekt, das sehr viel mit Kunst zu tun hat. Hinter dem Kinderspielhaus steht nämlich die Idee, Kunst in die Alltagswelt von Kindern zu stellen. Mit ihm ist ein Kunstraum geschaffen und weiter ausgebaut worden, in dem Kunst gelebt und ausgelebt werden kann. Die Galerie hier bietet einen Ausstellungsraum, in dem schon viele weltweit bekannte Künstler ihre Werke ausgestellt und sich den Fragen der Kinder hautnah gestellt haben. Ich erinnere nur an die Begegnung mit Christo und Jeanne-Claude.
 

Auf welche Projekte und Arbeiten blicken Sie mit besonderer Freude und Stolz zurück?

Klar, von meinen über 200 Ausstellungen erfüllen mich die großen Ausstellungen in Tokio, Singapur, New York und Moskau oder die Skulpturenausstellung in Bonn mit besonderem Stolz. Für die Ausstellung in Moskau bin ich von der Kunsthalle in Düsseldorf angesprochen worden. Stolz bin ich aber auch auf meine beiden Skulpturen im Rahmen der Radschläger-Kunst, Düsseldorf, die von den Auftraggebern ARAG und Galeria Kaufhof am Wehrhahn direkt erworben wurden.


Welche Projekte haben Sie für 2009 geplant?

Nun, zuerst einmal freue ich mich über die Anfrage des Kunstsammlers Axel Mörtl, der mich bat, für sein Kunsthaus Lindenberg in Siegen eine Dachschindel zu bemalen. Eine glatte Herausforderung nicht nur in Bezug auf die Gestaltung, denn Größe und Untergrund sind bereits vorgegeben, sondern auch im Hinblick auf die Wetterbeständigkeit. Dann freue ich mich auf die Veranstaltung „Flingern at night“ am vierten Juni, in der ich mit anderen Künstlern in einer großen Ausstellung vertreten sein werde. Im Sommer werde ich eine Ausstellung in der Galerie Netzplan in Bonn haben und im Herbst bin ich im Malkasten in Düsseldorf vertreten. 2009 ist für mich ein spannendes Jahr.

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