Flingerns erstes Buch

Flingern - Kiez, Kunst & Kultur (Droste Verlag)

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Der Mann mit Hut

Der Mann mit Hut

Wenn man Flingeraner fragt, ob sie Otto Kunze kennen, dann werden sicherlich nicht viele mit Ja antworten. Wenn man sie aber fragt, ob sie das Haus mit der roten oder blauen oder grünen Tür kennen, dann können die meisten dem Fragenden den Weg weisen, ohne zu wissen, dass diese Türen und die dazugehörenden Häuser untrennbar mit Otto Kunze verbunden sind. Die Türen wirken nicht nur durch ihren Entwurf und die feinen Holzarbeiten und Verzierungen, sie wirken nicht nur durch ihren farbigen Anstrich, sondern vor allen Dingen, und das ist sozusagen ihr gemeinsames Geheimnis, durch die Verarbeitung des Farblackes. Denn jede Tür wird in vier Arbeitsgängen behandelt und geschleift, bis sie schließlich ihr endgültiges Finish erhält. „Natürlich ist so eine Lackierung teurer als die allgemein übliche. Sie hat viel mehr Arbeitsgänge, aber auf Dauer ist das Teurere billiger. So ein Anstrich hält 15 Jahre, der blättert nicht ab“, sagt Otto Kunze.

Ein Haus, das Otto Kunze restauriert, bekommt Seele, unverwechselbare Präsenz und Eleganz. Unter seiner Aufsicht und Planung werden alte, heruntergekommene Häuser zu romantischen Stadthäusern, stilsicher, klassisch schön ohne jede Aufdringlichkeit, durchdacht bis ins letzte Detail, sowohl von außen und innen als auch vom Keller bis zum Dachboden. Denn Kunze ist nicht nur handwerklicher Perfektionist sondern auch Künstler und kreativer Problemlöser. Er gehört zu den wenigen Schreinern deutschlandweit, die noch wirklich alte Holzbearbeitungs- und Restaurierungsmethoden kennen und anwenden. Wer antike Möbel zu ihm bringt, kann sicher sein, dass sie in der traditionellen Handwerkskunst ihrer Zeit wiederhergestellt werden. Aber Otto Kunze baut auch Möbel nach alten Vorbildern ohne zu versäumen, ihnen etwas mitzugeben, was man nur mit typisch Kunze bezeichnen kann. Denn neben seinem Sinn für Schönheit und Ausgewogenheit hat er nicht seinen praktischen Sinn vernachlässigt. So konstruierte er einen Fernsehschrank, der auf dem Boden zu stehen scheint, tatsächlich aber knapp über dem Boden schwebt, weil er über einen frei bewegbaren Hebelarm mit der Wand verbunden und damit nach allen Seiten schwenkbar ist, so dass man aus jeder beliebigen Sitzposition fernsehen kann. Wer Sprossenfenster liebt, aber davor zurückschreckt, wenn er an die zeitaufwendige Putzaktion denkt, für Otto Kunze kein Problem. Für den Betrachter baut er Sprossenfenster, die sich für die Hausfrau am Putztag in eine durchgehende Fensterfläche verwandeln.

Seit 1956 lebt und arbeitet Otto Kunze nun schon in Düsseldorf. Dass er nach Düsseldorf kam, verdanken wir, auch wenn er das anders sehen wird, dem Zweiten Weltkrieg und einem Kindheitstraum. Geboren wurde er 1929 in Katscher, Oberschlesien. Dort bewirtschafteten seine Eltern 65 Morgen Land. Sein Vater, selber Tischler, war auf seinen Wanderjahren als Geselle unter anderem in Düsseldorf gewesen. Gerade von dieser Stadt erzählte er seinem Sohn während der Feldarbeit, so dass sich in Otto Kunze der Wunsch festsetzte, später auch mal nach Düsseldorf zu gehen.

Immer, wenn er seinem Vater von diesem Wunsch erzählte, sagte dieser: „Junge, du wirst nie nach Düsseldorf kommen. Wir haben zu viel Land dazu gekauft, du musst hier als Bauer bleiben, die Weiber schaffen das nicht ohne einen Mann.“ Selbst heute noch, wenn man ihn nach seinem Beruf fragt, erhält man spontan die Antwort Bauer. Doch dann kam der Zweite Weltkrieg und mit ihm alles anders als gedacht. Ein Jahr nach Kriegsende starb der Vater und mit dem Verlust Oberschlesiens begann auch die Vertreibung der Deutschen durch die Polen, so dass Otto Kunze mit seiner Mutter und Schwester mit nichts in den Händen schließlich in einem Lager in Pirna in der ehemaligen DDR landete. Ein Erlebnis, das ihn tief geprägt hat und selbst heute noch, nach so vielen Jahrzehnten, emotional berührt. Drei Jahre arbeitete er in der Folgezeit auf einem Hof: ein Jahr im Kuhstall, zwei Jahre als Kutscher bis er schließlich 1949 eine Tischlerlehre in Freiberg begann. Bereits nach einer Gesellenwoche setze er sich 1951 gegen Westen Richtung Düsseldorf ab. 35 DM Bestechungsgeld ermöglichten ihm die Flucht über die damalige grüne Grenze und brachten ihn auf dem Fahrrad zum Sammellager Ülsen. Nachdem Hof und Boden in Oberschlesien verloren waren, blieb ihm nichts anderes als die Erinnerung an die Heimat und an den Vater und damit untrennbar verbunden der Wunsch, wie sein Vater nach Düsseldorf zu gehen. Und der sollte nun verwirklicht werden, auch wenn es noch fünf abenteuerliche Jahre dauern sollte, bis er schließlich hier ankam.

In Köln hätte er in den Fordwerken arbeiten können, aber Fabrikarbeit, das war nichts für den Naturburschen Kunze. Schließlich landete er auf dem Arbeitsamt Neuss, das er mit einem Arbeitsschein für eine Neusser Firma verließ. Beinahe hätte er auch dort angefangen, wäre da nicht das Schild „bis Düsseldorf 8 Kilometer“ gewesen. Als er das Schild sah, habe er den Schein zerrissen, erzählt Otto Kunze. So kurz vor dem Ziel habe er nicht aufgeben wollen, sich wieder auf das Rad geschwungen und sei Richtung Düsseldorf geradelt, wo er sich als Tischler angemeldet habe. Das Fahrrad blieb auch in der Folgezeit sein ständiger Begleiter. Mit Fahrrad und Anhänger transportierte er Möbel von Kunden in die Werkstatt und wieder zurück. Im Victorian auf der Königsstraße ist er dem Barkeeper bis heute in bleibender Erinnerung. Nicht nur wegen der guten Arbeit, sondern weil er damals auf dem Fahrrad mit Hut vorgefahren war, was man gelinde gesagt als ausgesprochen ungewöhnlich empfand. Dort hat er nämlich die erste Theke gebaut. Aber Fahrrad und Hut sind Kunzes Markenzeichen, der nicht viel von äußeren Statussymbolen hält, um sich damit aufzuwerten. 1956 eröffnete er seinen ersten Betrieb in der zerstörten Reitzenstein Kaserne und zwar in einem Pferdestall der damaligen Reitschule Anton Cordes. Seine Schwester Maria war von Anfang an seiner Seite und hielt ihm den Rücken frei, indem sie sich um alle Büroarbeiten und die administrativen Tätigkeiten kümmerte. Morgens um halb vier sei er aufgestanden, habe bis abends 21 Uhr gearbeitet. „Wer zu meiner Zeit auf dem Land aufgewachsen ist, ist an einen arbeitsreichen Tag voller Entbehrungen gewöhnt“, erklärt Kunze.

Aus der ehemaligen Werkstatt im Pferdestall ist ein großer Betrieb geworden, der neben einer Schreinerei auch eine Schlosserei und eine Maler- und Lackierwerkstatt umfasst und zeitweise bis zu 40 Mitarbeiter beschäftigte. Trotzdem blieb immer noch Zeit, Reisen wie zum Beispiel nach Petersburg zu unternehmen, die er stets nutzte, um alte Schlösser, Bauten und Museen zu besuchen und zu studieren. Selbst heute noch, mit 79 Jahren, steht er morgens um halb sechs auf und arbeitet bis nachts halb zwölf in seinem Betrieb. Arbeit ist sein Leben. Die Früchte seines Schaffens zu genießen nicht sein Ding. Einen Nachfolger, der in seine Fußstapfen treten könnte, hat er nicht. Seine vier Töchter, die er liebevoll Weiber nennt, arbeiten in anderen Berufen. Weiber kommen mir nicht in den Betrieb, habe er damals gesagt, als seine jüngste Tochter den Wunsch äußerte, auch eine Tischlerlehre zu beginnen. „Heute bestreitet mein Vater vehement, dass er das gesagt haben soll“, erzählt uns die jüngste Tochter. Mit Otto Kunze wird eines Tages auch ein großer Teil alter Handwerkskunst gehen, denn in der heutigen Ausbildung werden viele Techniken nicht mehr gelehrt, weil sie zu zeit- und kostenintensiv sind.

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