„Ich zeichne also bin ich“
Martina Etienne ist im Ruhrgebiet aufgewachsen, hat an der Folkwangschule bei Professor Näscher Design studiert und neben ihrer künstlerischen Tatigkeit in der Werbung gearbeitet. Seit 1989 lebt sie in Flingern, seit 2002 hat sie ihr Atelier auf der Ackerstraße 201.
Frau Etienne, was ist für Sie ein Künstler, was zeichnet ihn aus? Was ist für Sie Kunst?
Die Definition des Wortes Kunst ist ein weites Feld. Für mich die Möglichkeit, im kreativen Bereich eine hoch entwickelte Fähigkeit, sein Talent zu leben, auszuleben. Aber Talent allein reicht im Allgemeinen nicht aus. Voraussetzung dafür ist zum einen beim Zeichnen – wie in jedem anderen Bereich der bildenden Kunst auch - die Fähigkeit zu „sehen und zum anderen die absolute Beherrschung eines Handwerks.
Sie meinen, ein Künstler muss zuerst einmal Handwerker sein, um seine Kunst darstellen zu können?
Selbstverständlich. Ich weiß beim Zeichnen ganz genau wann, wo und wie ich auf welchem Papier eine Linie ziehen muss.
Beuys hat einmal gesagt „Jeder Mensch ist ein Künstler. Stimmen Sie dem zu?
Dem kann ich so nicht zustimmen. Ein Künstler braucht verschiedene Voraussetzungen. Zum einen eine andere Sichtweise auf die Dinge, die ihn und natürlich auch alle anderen Menschen umgeben, zum anderen ein Talent. Er muss erkennen, in welchem Bereich der bildenden Kunst es liegt. Und dann braucht er die Bereitschaft hart zu arbeiten. 2 % sind Talent, der Rest harte Arbeit. Wenn alle Menschen Künstler wären, gäbe es nur Künstler in dieser Welt.
Bezeichnen Sie sich als Künstlerin?
Ich bin Künstlerin durch und durch; es ist für mich nur schwer vorstellbar, ohne meine Kunst zu leben.
Warum haben Sie sich gerade dem Zeichnen verschrieben?
Ich habe mal gesagt „ich zeichne also bin ich. Zeichnen ist die Technik, die zu mir gehört, in der ich mich am besten ausdrücken kann.
Sie sind Kalligraphin und geben Kurse in „Der Kunst des schönen Schreibens“ als auch Zeichnerin. Können Sie Ihr Arbeitsfeld beschreiben?
Ich bin und bleibe Zeichnerin. Das Zeichnen hat für mich weit, weit vor der Kalligraphie die absolute Priorität. Die Kalligraphie ist für mich eine Ergänzung. Mein Arbeitsfeld ist damit also einfach beschrieben. Zeichnen, zeichnen, zeichnen.
Ihre Zeichnungen erinnern an eine fernöstliche, japanische Darstellungsweise. Vielen wohnt ein morbides Element inne. Ist Ihr Thema die Vergänglichkeit des Lebens in seinen Formen? Zeigt sich für Sie Lebendigkeit in der Vergänglichkeit?
Ich sehe meine Arbeiten nicht in “japanischer“ Darstellungsweise. Das einzig japanische ist der Stempel in der Signatur, der aber hier allein einen grafischen, gestalterischen Aspekt hat. Die Vergänglichkeit in meinen Arbeiten hat einen ganz wesentlichen Anspruch. Ich habe dazu einmal folgenden Text geschrieben: Kombinationen und Kompositionen von Vergangenem und Vergänglichem. Blumen und Früchte, die vertrocknen, sich täglich verändern und damit zum Leben verdammt sind.
Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus? Landläufig stellt man sich einen Künstler eher als Bohémien vor. Stimmt das?
Ich glaube das Leben des Künstlers als Bohémien ist lange vorbei. Vor allem bei denen, die erfolgreich sein und von ihrer Arbeit finanziell gesehen leben wollen. Mein Arbeitsalltag hat in kreativen Phasen eigentlich immer 10--14 Stunden. Kunst ist in der Regel intensive, harte Arbeit. Ich stehe morgens um sechs Uhr auf. Allerdings beginne ich meine kreativen Arbeiten erst ab 12 Uhr. Am liebsten arbeite ich in der Nacht. Dann ist die Welt ruhig und still.
Bestehen Ihre Arbeiten auch aus Auftragsarbeiten oder realisieren Sie nur Projekte und Ideen, die Ihnen am Herzen liegen?
Zum Glück habe ich zum Thema „Auftragsarbeiten gut zu tun. Das erfordert den Spagat zwischen Auftrag und der eigenen kreativen Arbeit. In der Regel gibt es aber im Jahr zwei bis drei Veranstaltungen in meinem Atelier – eine Kombination großer und kleiner Arbeiten – den KunstWerkStücken. Diesen Begriff habe ich 2000 mit meiner Beraterin entwickelt, mit dem Gedanken, kleine Kunstwerke, Zeichnungen für Jeden zu schaffen. Kunst sollte für alle Menschen erschwinglich sein, nicht nur für einen bestimmten Teil der Gesellschaft.
Wo liegt der Schwerpunkt Ihrer Auftragsarbeiten?
In der Regel realisiere ich Projekte für größere Unternehmen, Verlage. Es kommen aber auch Menschen zu mir, die eine Zeichnung für sich oder andere in Auftrag geben. Das setzt voraus, dass ich den Menschen gut zuhöre, dass ich mich in sie einfühlen kann, dass ich die Hintergründe verstehe, die sie zu diesem Auftrag veranlasst haben.
Auf welche Projekte blicken Sie zurück, welche haben Ihnen besonders viel Freude gemacht?
Am meisten Freude gemacht hat mir sicherlich die Eröffnung meines Ateliers 2002. Was meine kreative Arbeit angeht, mache ich absolut nur Projekte, hinter denen ich hundertprozentig stehe aus tiefer, innerer Überzeugung. Insofern würde ich keinem Projekt den Vorzug geben. Die Frage ergibt sich für mich nicht.
Auf welche neuen Projekte und Arbeiten können wir uns freuen?
Zur Zeit arbeite ich mit großer Freude an einem neuen Projekt. Am 9. November 2008 erscheint mein erstes Buch. „Paradiesisch … ein kulinarisches Reisebuch“. Mit Zitaten der Weltliteratur wie z.B. von Heine, Fontane, Goethe, Proust, meinen Zeichnungen und eigens von mir kreierten Rezepten. Das bibliophile Buch erscheint in einer limitierten Auflage von 100 Exemplaren, signiert und nummeriert. Für nächstes Jahr ist dann eine große Landschaftsausstellung mit dem Titel „Dahinter wohnt die Zweisamkeit geplant.




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