Flingerns erstes Buch

Flingern - Kiez, Kunst & Kultur (Droste Verlag)

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Schönheit, die bezahlbar bleibt - Flingern

60 Jahre Eremiten- Presse

Wer ein Buch aus der Eremiten Presse sein eigen nennt, der merkt sehr schnell, dass sinnliches Erfahren an erster Stelle steht. „Begreifen“, Blättern, Streicheln, Betrachten, das sind die Impulse, die man verspürt, wenn man ein Buch aus diesem Verlag in Händen hält. Es zu lesen kommt an zweiter Stelle, was nichts über die Qualität des Textes sagt, ganz im Gegenteil. Das Buch als Gesamtkunstwerk, ein bibliophiles Sammlerstück, dafür steht die Eremiten Presse.

Eremiten Presse, das sind heute der Architekt Fridolin Reske und der Grafiker und ehemalige Kreativ-Direktor einer Hamburger Werbeagentur Jens Olsson.

Aber was heißt schon heute. Seit 1966 ist Reske dabei. 1967 übernahm er den Verlag zusammen mit seinem Freund Dieter Hülsmann von seinem Gründer Viktor Otto Stomps, der aus Krankheitsgründen ausschied. 1983, nach dem Tod Hülsmanns, kam Olsson mit ins Boot und leitet und gestaltet bis heute zusammen mit Reske die Geschicke der Eremiten Presse.

Als der Verlag 1949 von Viktor Otto Stomps gegründet wurde, sollte er Heimstatt der literarischen Avantgarde sein. Jungen, zeitgenössischen, noch unbekannten Autoren wollte er ans Licht der Öffentlichkeit verhelfen. Eine Idee von erhabener Schönheit, aber limitiert durch finanzielle Gegebenheiten. Für den literaturbesessenen Stomps kein Hindernisgrund. Wozu das Geld fehlte, das wurde mit Eigenleistung kompensiert. Zuerst in Frankfurt dann in Stierstadt im Taunus in einem kleinen Fachwerkhaus wurde in eigener Werkstatt gesetzt, gedruckt, gebunden. Von der literarischen Auswahl bis zur handwerklichen Ausführung, alles lag in einer Hand oder besser gesagt in zwei Händen. Sanssauris nannte Stomps seine Werkstatt im Taunus. Ein französisches Wortspiel: Sans sauris, ohne Mäuse. Und wenn die Zeit knapp und zwei Hände nicht ausreichten, dann legten Autoren und Künstler auch selbst Hand mit an.

So kam auch Fridolin Reske 1966 zum Verlag. Literatur seines Freundes Dieter Hülsmann sollte in der Eremiten Presse verlegt werden. Ein Zufall? Zufälle gibt es nicht im Leben, sagt Reske und bezieht sich auf seinen Hausarzt.  Was heute unvorstellbar ist, war damals ohne Schwierigkeiten zu realisieren. Der Wechsel zwischen zwei Arbeitsplätzen konnte noch an Bedingungen geknüpft werden. Drei Monate Auszeit bedingte sich Architekt Fridolin Reske bei seinem neuen Arbeitgeber aus. Drei Monate wollt er Stomps zur Hand gehen.

Aber ein Architekt als Verleger. Passt das überhaupt? Was hat ein Architekt  mit einem Verleger gemeinsam? Vieles, wenn nicht alles. Ein Architekt schafft mit mehreren den Raum, die äußere Form  für seine Bewohner. Und wenn alles gut geht, ist diese äußere Form der ideale Ausdruck. Nichts anderes sollte ein Buch sein. Der äußere Ausdruck innerer Werte. „Wir entwickeln ein Buch von innen nach außen“, sagt Reske. „Zuerst ist der Text da. Aus ihm entwickelt sich die Typgraphie, die Illustration, das Papier, der Einband. Eins ergibt sich aus dem anderen, bis das Kunstwerk sinnlich erfahrbar wird.“

Aus drei Monaten wurden 40 Jahre und Reske machte den Verlag anfangs mit Hülsmann, dann mit Olssons zu dem, wofür er heute steht. Mit der Broschur-Reihe gelang ihm die Verlegung der ersten bibliophilen Taschenbücher Deutschlands, der Druck eines Gesamtkunstwerks Buch, das bezahlbar blieb. Gedruckt mit der Handpresse, illustriert mit Originalgraphiken auf nicht geschnittenen Doppelseiten.

In den 60er Jahren glaubte man, dass die Eremiten Presse politisch links stehen würde. Das hatte vielleicht damit zu tun, dass der Verlag ein Ein-Mann- bzw. Zwei-Mann-Betrieb war, dass die Werkstatt in einem alten Fachwerkhaus untergebracht war, durch dessen Dach es herein regnete und das kaum beheizbar war. Das lag vielleicht auch daran, dass so mancher politisch links stehende Autor hier verlegt wurde, aber mit Politik hatten der Verlag und seine Inhaber nie etwas am Hut. Sie fühlten sich stets der Literatur und ihrer Gestaltung, der Schönheit und Ästhetik verpflichtet.

1972 zog Reske mit dem Verlag auf die Fortunastraße 11 in Düsseldorf Flingern. Ein Haus aus der Gründerzeit, ein Familienerbstück, wollte bewohnt werden und was lag näher, als im Erdgeschoss die Verlagsräume einzurichten und darüber die Wohnung.

Der Druck mit Bleilettern und der Handpresse ist mittlerweile dem Offsetdruck gewichen. Geblieben ist die Originalgrafik, die die Künstler nun direkt auf die Offsetvorlagen malen müssen. Nach wie vor wird auf die Gestaltung der Bücher das größte Augenmerk gelegt. Und es wird nur verlegt, was hundertprozentig gefällt. Geblieben ist auch, dass von der Auswahl der Texte über Satz, Layout und Bogenmontage bis hin zur Verwaltung, zum Versand und der Öffentlichkeitsarbeit nach wie vor alles in den Händen von Fridolin Reske und Jens Olsson liegt.

100 Abonennten erhalten jedes neu im Verlag erschienene Buch. 600 Bücher sind bisher erschienen. Für Eingeweihte sind Bücher aus der Eremiten Presse längst zu Sammlerobjekten geworden. Wer den Verlag und seine Bücher kennenlernen möchte, ist auf der Fortunastrsaße 11 in Flingern willkommen. Hier können alle erhältlichen Titel erworben werden, denn im Buchhandel lassen sich die exquisiten Taschenbücher nur schwer präsentieren. Öffnungszeiten kennen Reske und Olsson nicht. Wenn sie in den Verlagsräumen sind, dann öffnen sie auch oder ein kurzer Anruf lässt auf Nummer sicher gehen.

Wie lange wird es die Eremiten Presse noch geben? So lange unsere Bücher gekauft werden und so lange wir können. Eine 60jährige Verlagsgeschichte hinterlässt auch ihre  Spuren bei den Verlegern.

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