Edgar Mrugalla
Echt gefälsch
Edgar Mrugalla, der genialste Kunstfälscher des 20. Jahrhunderts
Nie wieder ein Geschäft. Da war sich Patrice Daras sicher, als er im Juni zusammen mit seiner Geschäftspartnerin das Antiquariat auf der Kaiserstraße in Düsseldorf schloss. Erst im Dezember 2007 hatte er hier einen neuen Standort gefunden, nachdem das Geschäft im Rathauskomplex in der Altstadt aufgegeben werden musste. Die Stadt hatte Eigenbedarf angemeldet. Der neue Standort entsprach nicht den Erwartungen und noch einmal umziehen wollte er nicht. 26 Jahre waren genug. Zumindest glaubte der antiquarische Buchhändler das, als er seinerzeit diesen Entschluss im Brustton der Überzeugung verkündete. Aber wie heißt es so schön? Sag niemals nie. Und das traf auch in diesem Fall zu. Schon im April 2009, zehn Monate später, eröffnete Patrice Daras das Antiquariat Daras auf der Ackerstraße 101.
Und warum dieser Sinneswandel? Nun, da gibt es einen Schwiegervater. Dessen Frau war 2006 gestorben und seitdem lebte er einsam in der 100-Seelen-Gemeinde Fiel im Kreis Dithmarschen. Mittlerweile war er krank geworden und brauchte Hilfe von der Familie. Die holte ihn kurz entschlossen nach Düsseldorf in ihre Nähe. Und mit ihm kamen seine Bilder.
Aber was tun mit den Bildern? Und dann war die Idee geboren, diese Bilder in einer dauerhaften Ausstellung zu zeigen, denn der Schwiegervater ist Edgar Mrugalla, der wohl berühmteste, erfolgreichste und genialste Kunstfälscher des 20. Jahrhunderts.
Als 1987 die Kripo vor seiner Tür stand und von den circa 3000 Fälschungen 1500 konfizierte, da löste Mrugalla den größten Bilderskandal der Nachkriegsgeschichte aus.
Aber warum wird man Bilderfälscher? Klar, Geld spielt immer eine Rolle und Geld spielte auch bei Edgar Mrugalla eine Rolle, aber Antriebsfeder war sein Zorn auf die Kunsthändler, die in den 60er Jahren seine Unwissenheit ausnutzten und ihm echte Gemälde für wenig Geld abkauften, um sie für ein Vielfaches weiter zu verkaufen.
Begonnen hatte alles mit der Gründung einer Entrümplungsfima und der Eröffnung eines Trödelladens in Berlin. Eines Tages fiel ihm bei einer Entrümplung ein Bild in die Hände, das ihm ein Kunsthändler für kleines Geld abkaufte. Später stellte sich heraus, dass es ein echter Caspar David Friedrich war. Klar, da kommt Zorn auf. Zorn auf den Kunsthändler und Zorn auf die eigene Unwissenheit und das sollte nicht länger sein. Mrugalla beschäftigte sich mit Kunst und Künstlern, studierte ihre Werke und Techniken, begann sie zu kopieren und sich zu perfektionieren.
Und jetzt zeigte sich ein Talent, das im Verborgenen geschlummert hatte. Er konnte Bilder eins zu eins kopieren und sich in die Stimmung so einfühlen, dass die Fälschung sich in nichts vom Original unterschied. Eine Kuratorin des Pariser Louvre attestierte ihm „Goldhände“, nachdem dort eine Fälschung entdeckt worden war.
In der Folgezeit bot er seine Kopien Kunsthändlern an und die kauften ihm die Bilder für kleines Geld ab, ließen sich die Echtheit durch entsprechende Expertisen von Gutachtern attestieren oder fügten die fehlenden Signaturen nachträglich hinzu, denn keine Fälschung wurde von Mrugalla mit dem Namen des kopierten Künstlers signiert. Doch jetzt lag die Täuschung auf beiden Seiten. Auf Seiten der Kunsthändler, die ihm verschwiegen, was sie glaubten zu kaufen und auf Seiten Mrugallas, der wusste, dass es Kopien, seine Kopien waren.
Erst ab 1980 begann er in großen Stil zu kopieren. Er war mittlerweile von Berlin ins Dithmarsche gezogen, zu einer Zeit, als in Berlin noch der erste Prozess gegen in lief. Mrugalla musste sich in diesem Prozess zum ersten Mal gegen den Vorwurf der Kunstfälscherei wehren. 1974 fand er bei einer Entrümpelung 24 farbige Otto Müller Kreidezeichnungen. Er bot sie verschiedenen Kunsthändlern an. Einer von ihnen wurde wegen der hohen Anzahl misstrauisch und erstattete Anzeige. Ironie des Schicksals oder Vorbote des Zukünftigen? Mrugalla blieb dabei, diese Zeichnungen gefunden zu haben. Das Gegenteil konnte ihm nicht nachgewiesen werden und so sprach ihn ein Schöffengericht nach einem achteinhalb Jahre währenden Prozess vom Vorwurf der Fälscherei frei.
In seiner neuen Heimat kopierte er circa 3000 Werke berühmter Künstler, unsigniert zwar aber Auftragsarbeiten, die von Galeristen, Kunsthändlern und Gaunern in Umlauf gebracht wurden und nahm damit billigend in Kauf, was mit seinen Kopien geschehen würde. So stellte es das Gericht in seinem zweiten Prozess fest. In dieser Zeit entstanden aber auch 18000 eigene, echte Mrugalla Werke. Es war seine ungeheure Produktivität, die ihm 1987 die Kripo vor der Haustür bescherte. Zu viele Picassos überschwemmten plötzlich in den 80ern den Markt und eine derartige Schwemme machte aufmerksam und misstrauisch. Der folgende Prozess endet glimpflich. Zwei Jahre auf Bewährung. Das milde Urteil wurde damit begründet, dass Edgar Mrugalla sich kooperativ bei der Aufdeckung gezeigt und niemals versucht habe, seine Kopien als echt zu verkaufen.
Millionen Euro sollen seine Fälschungen eingebracht haben. Millionen, die andere verdient haben. Noch heute sind circa 1000 Kopien im Umlauf, hängen in großen Museen dieser Welt. In manchen Museen hat er Hausverbot, denn immer, wenn er eine seiner Kopien entdeckte, machte er darauf aufmerksam. Aber wer will schon wissen, dass er einer Fälschung aufgesessen ist. Immerhin ist viel Geld geflossen und der Ruf eines Kunstsachverständigen steht auch auf dem Spiel. Dann schon lieber eine Fälschung besitzen und sie für echt halten. Die Vorstellung allein ist entscheidend, nicht die Wahrheit. Dabei ist es gar nicht ehrenrüchig, ein von Mrugalla gefälschtes Bild zu besitzen. Da stimmte alles, von der Technik, über den Ausdruck bis hin zur Leinwand, dem Papier und den Farben. Und das wirft die Frage auf, wie viel ist Kunst wert und wann ist sie etwas wert. Die Kopien von Mrugalla zumindest waren den Originalen ebenbürtig. Nach dem Prozess folgten Ausstellungen seiner Werke in ganz Europa.
Heute sind die „falschen“ und die echten Bilder von Edgar Mrugalla in wechselnder Ausstellung im Antiquariat Daras auf der Ackerstraße 101 zu sehen und zu erwerben. Neue kommen nicht mehr nach. Wer weiß, vielleicht ist ein echter Mrugalla einst so viel wert wie seine nachempfundenen Vorbilder.
FlingernMagazin No.3

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vor 1 Jahr 18 Wochen